Mittwoch, 7. Mai 2014

Das erste mal Stockpflege - allein mit 50.000 Bienen

Ein bisschen weiche Knie habe ich schon. Man kann ja nicht wissen, was passiert, wenn etwas beim Öffnen der Kästen nicht so richtig läuft. Solange W., mein Bienenpate, neben mir steht und genau sagt, welche Handgriffe bei der Durchsicht von Nöten sind, ist alles  einfach.  Aber hat nicht auch mein Mentor mir erzählt, dass er schon kräftig von seinen Bienen vermöbelt worden ist?

Egal, ich muss da jetzt ganz alleine durch! Bisher waren die Bienchen doch immer lieb. Doch was ist, wenn etwas schief läuft und 50.000 Bienen über mich herfallen? 

Natürlich habe ich meinen Smoker zur Hand, und der qualmt schon tüchtig. Bis zum Rand ist er  gefüllt mit meiner Spezial-Kräutermischung aus dem eigenen Garten, die beruhigend auf das Bienenvölkchen wirken soll, wenn ich es damit anblase. Die Bienen im Stock werden denken, dass es irgendwo in der Nähe brennt, sich ihre Honigblase vollsaugen und auf das Kommando zur plötzlichen Evakuierung warten.

Sollten sie,natürlich gegen alle Erwartungen, dennoch gegen mich ausrücken, kann ich sie wahrscheinlich mit Dampfschwaden in die Flucht schlagen. Sie werden sich von mir erfolgreich bluffen lassen, denn sie werden nicht riskieren dass ihre Königin mitsamt ihrem Volk einem überaschenden Feuertod zum Opfer fällt. Hoffentlich bewahren sie wirklich ihre Ruhe.

Also vorwärts, Marsch! - oder um mit Fontane zu sprechen: 
"Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, / die bleiben Sieger in solchem Kampf, / und wie's auch rast und ringt und rennt, / wir kriegen es unter: das Element."

Was soll schon groß passieren?! Ich habe alle strategischen Vorteile auf meiner Seite: Die Wetterbedingungen für meinen ersten Selbstversuch mit Bienen sind optimal. Es ist warm und windstill, es ist früher Nachmittag, die Sonne steht hoch und die Flugbienen sind ausgeflogen und sammeln Pollen und Nektar. Das vermindert die Anzahl potenziellen Angreifer. Die Arbeitsbienen im Stock sind noch jung und unerfahren. Sie werden es nicht zur Schlacht mit dem Imker kommen lassen. Drohnen, die noch im Bienenstock sein könnten, stechen bekanntlich überhaupt nicht, und das ist auch gut so!

Außerdem bin ich kleidungstechnisch absolut auf ein Worst Case Szenario vorbereitet - Festes Schuhwerk, lange Hose und hochgezogene Socken.  Darüber ziehe ich noch einen weißen Schutzanzug, wie man ihn für wenig Geld in jedem Baumarkt für Malerarbeiten kaufen kann. "Ganz in Weiß ...", das ist bei Bienens so, als trüge ich einen Tarnanzug. Bienen sehen bekanntlich anders als wir Menschen und vor allem kein Weiß. So wie Soldaten in nato-oliven Uniformen in den Krieg ziehen, macht Weiß den Imker für Bienen "unsichtbar" oder zumindest unauffällig. Jetzt kann nichts mehr passieren !? Oder doch?

Meine Hände habe ich vorsichtshalber mit Latexhandschuhen geschützt. Das scheint mir noch relativ mutig, besser jedenfalls, als sich die nackten Hände von wütend angreifenden Bienen zerstechen zu lassen.  Wenn ich sehe, dass manche Imker in Youtube-Ratgebervideos  beim Imkern schwere Handschuhe aus Kernspaltleder tragen, komme ich mir noch ziemlich mutig vor. Andererseits - mit meiner Sorge vor einem Überraschungsangriff eines ganzen Bienenvolkes scheine ich nicht ganz allein zu sein. Offensichtlich rechnen auch erfahrerenere "Imkerkollegen", auch die professionellen, mit überraschenden Attacken der stachelbewehrten Insekten.

Sicherheitshalber verreibe ich noch ein paar Tropfen Nelkenöl auf beiden Handrücken. Das wirkt definitiv "apifugal", soll heißen, das vertreibt Bienen sobald man nahe an sie rankommt. Den Trick mit dem Nelkenöl habe ich von meinem Mentor, der das von den Heideimkern in der Lüneburger Heide abgeguckt hat.

Bevor ich mich dann mit dampfendem Smoker in einer Hand und meinem Imkerwerkzeug in einem Eimer in der anderen meinen Bienenstöcken nähere, setze ich noch meine Imkerhaube auf; schließlich ziehen Ritter auch nicht ohne ihren Helm in die Schlacht. Vorsicht nennt man ja nicht von ungefähr die Mutter der Porzellankiste

Mein Imkerwerkzeug besteht aus zwei selbstgemachten Stockmeißeln, einen feinborstigen Handfeger, einem Messer, einem alten Stechbeitel und einer Hahnenfeder zum Abstreifen der Bienen von den Waben. Keins der genannten Werzeuge eignet sich für die Abwehr angreifender Bienen, höchstens vielleicht noch der Handfeger.

In der Erkenntnis meiner  "Waffenlosigkeit" überlege ich mir als umsichtiger Feldherr auch die Möglichkeiten für einen geordneten Rückzug, natürlich nur als "ultima ratio". Mein Gartenhäuschen ist massiv gebaut, die Tür schließt dicht - vorsichthalber mache ich noch schnell das Fenster meiner Fliehburg zu, das noch auf Kippe steht.

Ein letzter Blick in die Umgebung - keiner meiner Nachbarn ist zu sehen. Gott sei Dank! Denen habe ich ja schon stolz erzählt, meine Bienen seien "ganz zahm und friedlich", und "Generationen von Züchtern haben die natürliche Stechlustigkeit aus den Hausbienen weitestgehend herausgezüchtet." -  Mein heutiger Auftritt im kompletten "Imker-Kampfanzug" wäre ein Tiefschlag für meine Glaubwürdigkeit, das steht fest. Aber ich möchte morgen ja  nicht mit Stechbeulen und einem geschwollenen Auge vor meine Kollegen und meine Schüler treten. Ich hasse  Mitleidsbekundungen, besonders solche mit leicht ironischen Untertönen. Etwas Maskerade, die ja in der Imkerzunft üblich ist, ist das kleinere Übel.

Kurz rufe ich mir noch W.s Verhaltenstipps ins Gedächtnis: keine hektischen Bewegungen, auf das Drohverhalten der Wächterbienen achten, nicht zuviel Qualm, weil die Bienen meinen Bluff dann durchschauen könnten, zügig aber konzentriert bei der Stockdurchsicht arbeiten, ... Mach ich: Tief durchgeatmet und: Auf in den Kampf!

Ein kurzer, aber kräftiger Dampfstoß mit dem Smoker zeigt Wirkung auf die Bienen am Flugloch, sie ziehen sich zurück. Das Lösen des Deckels klappt auf Anhieb, die Zargen löse ich kurz durch leichtes Ankippen mit dem Stockmeißel, das Beiseitestellen der Honigzarge, die ich erst nach der Kontrolle des Brutraums unter die Lupe nehmen werde, alles läuft reibungslos. Bei einer vorhergegangenen Durchsicht zusammen mit meinem Mentor haben wir den Brutraum auf zwei Zargen erweitert und mit einem Königinnengitter vom Honigraum abgetrennt. Ich entferne das Gitter, kehre die Bienen mit der Feder ab und stelle es zur Seite.

Jetzt wird´s noch mal brenzlig - mit ein, zwei kurzen Dampfstößen vertreibe ich die Bienen, die auf der Oberseite der Wabenrähmchen herumkrabbeln. Sofort ziehen die Tierchen sich ins Innere des Brutraums zurück. Die Waben werden an den Rähmchenohren mit Hilfe des Stockmeißels gelöst und eine nach der anderen Wabe wird zur Kontrolle herausgezogen. Bis jetzt sind noch keine Anzeichen für ein Aggressionsverhalten der Bienen erkennbar.

Aber ich habe unerwartete Schwierigkeiten mit der Sicht. Schuld daran ist die Imkerhaube mit dem schwarzen Gitternetz vor meinen Augen. Das beschränkt ein genaues Hinsehen doch entscheidend. Außerdem wird mir langsam warm in meiner Montur. Das Lästigste jedoch sind meine Latexhandschuhe. Immer wieder klemmen sie sich zwischen den Wabenrähmchen ein, wenn ich sie nach kurzer Begutachtung zurück in die Zarge hängen will.  Außerdem schwitzen meine Hände in dem luftundurchlässigen Material. So kann ich nicht gut arbeiten. Ich ziehe die Handschuhe aus und lege sie an die Seite. Eine Attacke seitens der Bienen bleibt immer noch aus. Meine Hände sind jetzt frei, die Bienen weichen ihnen sogar erkennbar aus. Das macht wohl das Nelkenöl. In Zukunft werde ich das als Bienenabwehrmittel erster Wahl beibehalten. Das Öl ist ein Naturprodukt, völlig harmlos und bienenunschädlich. Meine Hände riechen danach zwar etwas herb, aber nach ein  zwei Mal Waschen hat sich das auch erledigt.

Was meine schlechte Sicht auf die Waben betrifft, werde ich jetzt mutiger: Ich ziehe meinen Imkerhut kurzentschlossen aus und lege ihn als Notfallmaßnahme griffbereit zur Seite. Jetzt arbeite ich freier und zügiger. Die wenigen Schwarmzellen, die ich finde, entferne bzw. zerstöre ich mit meinem spitzen Messer, Wildbau am Zargenrand und auf der Oberseite der Rähmchen stoße ich mit dem Stockmeißel ab und werfe die Wachsreste in den bereitstehenden Eimer. Das Wachs ist ein wertvoller Rohstoff und wird später mal eingeschmolzen. Die Arbeiten am Brutraum sind abgeschlossen. 

Ich lege das Metallgitter wieder auf, nachdem ich wieder die Bienen auf der Oberseite der Wabenrähmchen mit Hilfe von Rauch und Feder vertrieben habe. Meine Bienen bleiben friedlich und es ist mir wichtig, beim Zusammenbau der Beute keine Tiere unnötigerweise zu zerdrücken.  Ich arbeite ruhig und zügig, so wie mein Bienenpate es mir empfohlen hat.

Jetzt setze ich die dritte Zarge mit den Honigwaben wieder behutsam auf und dann mache ich den ersten Fehler. Beim Ziehen der ersten Wabe an der Seitenwand schlitze ich die bereits verdeckelten Zellen an Wildbauansätzen an der Seitenwand auf, weil ich diesen vorher nicht entfernt habe. Ein paar Löffel Honig fließen in den Brutraum. Das ist weiter nicht schlimm, die Bienen werden das wieder reparieren und komplett aufräumen. In Zukunft werde ich zuerst immer die zweite Wabe in einer Zarge zuerst ziehen und dann an die Seite stellen. Dann habe ich mehr Platz zum Arbeiten und kann Wildbau problemloser entfernen.

Mit meinen Biene ist alles super und sie bleiben weiter friedlich. Keine besonderen Vorkommnisse. Sie haben viel Honig eingetragen und bereits weitgehend verdeckelt. Bald kann ich schleudern. Darauf freue ich mich. 

Dann noch die Folie drauf, den Deckel aufgelegt, das Beutendach aufgesetzt - Fertig

Stolz, Selbstvertrauen, Freude über eine gelungene Stockdurchsicht, Aussicht auf eine gute Honigernte, Erleichterung und die Gewissheit, ein erkennbar gesundes und fleißiges Völkchen zu pflegen, Erfahrungsgewinn - das ist die Bilanz der Aktion.

Don´t worry, Bee happy

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