Dienstag, 30. September 2014

Kosmetik vom Imker oder warum Sissi anders war

"Die Bienen haben viel flüchtig Saltz und Oel. Wann sie getrocknet worden und zu Pulver gestossen werden, dienen sie das Haar wachsend zu machen; man mischet sie unter Eydechsenöl, macht ein Sälblein davon, und streicht dasselbige auf das Haupt. "

... ob dieses Rezept aus einem Universallexikon des frühen 18. Jahrhunderts heute beim Verbraucher noch gut ankommt, bezweifle ich. Das hier empfohlene Haarwuchsmittel ist zwar eindeutig ein Naturprodukt. Aber deshalb ist es noch nicht automatisch schon ein Synonym für "das ist gut für dich". Für einen Selbstversuch stehe ich jedenfalls zur Zeit nicht zur Verfügung.

Wenn man schon ein bienenbasiertes Regenerationschampoo will, scheint es in der Tat besser zu sein, Bienen und Eidechsen einfach wegzulassen und die Zutatenliste um Honig und Wachs zu erweitern. Seit alters her wurden und werden die kosmetischen Eigenschaften dieser Pflegeklassiker für Haut und Haare geschätzt. 

Honig finden wir in Seifen, Shampoos, Pflegelotionen und, und, und. Wachs ist Bestandteil von Cremes, Salben, Pasten, Lotionen und Lippenstiften. Der Hinweis „Enthält Echtes Bienenwachs“ ist dabei als Prädikatsmerkmal gemeint. Immerhin bescheinigt die Stiftung Ökotest den beiden Ingredienzien aus dem Bienenstock regelmäßig  Unbedenklichkeit und wertet sie als "empfehlenswert". 

Im Kampf gegen "Stachelbeerwaden" und "Pelz unter den Achseln" ist Bienenwachs, häufig in Kombination mit Pflanzenharzen, seit den frühen Hochkulturen ein probates Mittel bei der Ganzkörperenthaarung. 

Haarlos zu sein hatte in der Antike im übrigen zunächst einen durchaus nachvollziehbaren Sinn; Hautparasiten waren so leichter zu bekämpfen. Warum Victoria und David Beckham diese klassische Hygienemaßnahme wiederbelebt haben, kann man noch als Zwangsneurose erklären. Aber dass ausgerechnet eine solche bedauerliche Psychostörung zu einem Massenphänomen geworden ist, das ist schon schwerer zu begreifen. 

Dem Absatz von Bienenwachs hat es jedenfalls gut getan. Wie ich lese, ist "Brazilian Waxing" für das Depilieren der Schambehaarung zur Zeit der Renner. Zu Kilopreisen von derzeit 15 € wird mit Baumharzen verschnittenes Bienenwachs aus den Tropen an die Trendsetter der Körperkultur vertickt. Synthetischere Varianten verwenden übrigens neben Cera Alba, deutsch: Bienenwachs, statt Harzen einen Kunststoff, der unter anderem als Geschossfangmasse in kugelsicheren Westen Verwendung findet. Wenn das mal nicht wirkt!

Das Reisen mit eigenem Toilettensitz hat sich dagegen in der Lifestyleszene nicht durchsetzen können, woran man mal wieder sehen kann, dass der Einfluss von Familie Beckham nicht in jedem Marktsegment spürbar ist. Immerhin haben Bienenprodukte offensichtlich deutlich mehr Trendpotential als Sanitärartikel.

Im Gegensatz zu Honig und Wachs ist die Eignung von Gelee Royale für kosmetische Zwecke nur noch unter Heilpraktikern und Marketingexperten umstritten. Der Mythos, dass die Diät der Bienenkönigin schöner macht, wenn man sie in "Sälblein auf die Haut streicht" gilt unter seriösen Wissenschaftlern als ausgemachter Blödsinn.

Wer meint, Schönheit komme von innen, und deshalb müsse man sich den Königinnendrink oral verabreichen, befindet sich auf einem gefährlichen Holzweg, zumindest wenn man Allergiker ist. Der Cocktail aus Proteinen und Aminosäuren kann Reaktionen zwischen Hautrötungen und lebensgefährlichem anaphylaktischem Schock hervorrufen.

Die Annahme, dass das, was für Bienenköniginnen gut ist, auch auf "Schönheitsköniginnen" übertragbar ist, erinnert mich daran, dass zumindest in China geraspelte Nashornhörner die Manneskraft von Greisen sicherstellen können. 

Und siehe da: das meiste Gelée Royale, das in Europa zu Preisen um die 150,- €/Kilo gehandelt wird, stammt auch tatsächlich von dort. 


Aber zurück zu diesem Analogieprinzip: Bienenkönigin = Schönheitskönigin??? Wenn ich sagen sollte, was denn  das auffälligste Merkmal der Stockmutter ist, dann käme Schönheit bei mir ganz weit hinten. (Aber ich bin ja auch kein Werbefachmann, der es drauf haben muss, einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen zu können). Persönlich hätte ich "Gebärfreudigkeit" passender gefunden. Folglich spräche dann aber die aktuelle Geburtenrate in Deutschland eindeutig gegen die Wirksamkeit von Gelée Royale. 

Auch das Argument, Königinnen seien quasi per se "schön", muss spätestens dann als widerlegt gelten, wenn man sich die Portraits der Damen in den Ahnengalerien des europäischen Hochadels vor's Auge ruft. 

"Und was war mit Sissi?" höre ich jetzt als Einwand - Tja, von der weiß man, dass sie im Gegensatz zu anderen Frauen ihrer Zeit Kosmetika strikt ablehnte. Sie legte großen Wert auf Natürlichkeit. Nur bei ihren Haaren machte sie eine Ausnahme. Die wurden mit Duftessenzen besprüht, und ich möchte noch ergänzen: "... und wahrscheinlich auch mit Honigshampoo gewaschen."

Text: © Marzellus Boos, alle Rechte vorbehalten

weiterführende Linktipps

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen