Dienstag, 7. Oktober 2014

Kapitalismuskritik und Bienenlibido im Roman "Die Bienen"


Bild © Jon Sullivan / gemeinfrei


Mit "Urban Beeing" sind unsere Nutzinsekten zum Lifestylethema der Metropolen geworden. Das grassierende Bienensterben hat Katastrophenpotential, das ist immer ein Auflage versprechendes Thema für die Journaille. Und jetzt entdeckt die Belletristik das Nektar sammelnde Fluginsekt. Nach Katzen, Schaf- und Hundekrimis kommt jetzt der Bienenthriller...


Geschrieben hat ihn die in London wohnende Laline Paull. In ihrem Debütroman mit dem schlichten Titel "Die Bienen" erzählt die Autorin die Geschichte der Säuberungsbiene Flora 717, die zur untersten Kaste in ihrem Volk gehört, aber wegen ihrer ungewöhnlichen Fähigkeiten im Bienenstock schnell Karriere macht. Wegen ihrer Klugheit wird sie zur untentbehrlichen Ratgeberin im Überlebenskampf ihres Volkes. Bis das Unfassbare geschieht. Sie legt ein Ei, eine Tätigkeit, die in der strengen Hierarchie des Bienenstockes nur der Königin vorbehalten ist. Damit gerät sie in Konflikt mit der strengen Ordnung im Insektenkosmos, der in Laline Pauls Buch jedem Bienenindividuum seinen festen Platz als "Sammlerin", „Priesterin“, „Hygienearbeiterin“ und Mitglied der „Fruchtbarkeitspolizei“zuweist. Im totalitären Polizeistaat der Bienen wird die individuelle Entwicklung und die Emotionalität des Individuums unterdrückt und die "Ordnung" mit den repressiven Methoden des Überwachungsstaates durchgesetzt.

Soweit das, was man zum Inhalt des  "hinreissendsten Romans über eine Biene seit Waldemar Bonsels’ vor 100 Jahren erschienener Biene Maja!" aus den zum Teil überschwänglichen Kritiken herauslesen kann. Denis Scheck ist für seine Sendung "Druckfrisch" sogar nach London gefahren und hat, von urbanen Bienen umsummt, im Imkeroutfit die Autorin interviewt. Der Buchkritiker, der sonst gerne mal Bestsellerlistenbücher in den Müll wandern lässt, rückt die Dystopie aus dem Insektenreich in die Nähe einer Allegorie auf die moderne kapitalistische Gesellschaft. Er glaubt, hinter der strengen, auf Optimierung ausgelegten Ordnung des Bienenkollektivs mit ihrem Mantra "Arbeiten, dienen, gehorchen" Konzerne wie Google, IBM oder auch die "katholische Kirche" entdecken zu können. und erntet dafür den Zuspruch der Autorin. Bienen seien das "Symbol des Kapitalismus", so Laline Paull im Interview.

Nun ja, schon vor Äsop haben Menschen Tieren humane Eigenschaften zugeordnet. Dass wir ihnen damit ein "Image" verpasst haben, das in Bezug auf ihre Verhaltensbiologie absolut falsch ist, ist auch nicht neu. Wölfen und Bären hat unter anderen Gründen ein solches falsches Verständnis ihres Wesens in Europa die Ausrottung beschert.

Und dass staatenbildende Insekten wie Ameisen und Bienen sich zum Vergleich mit menschlichen Gesellschaften eignen, ist auch nichts wirklich Neues. Noch bis ins 18. Jahrhundert hinein hat man im Bienenkollektiv den idealen Staat gesehen, weil er die damalige Feudalgesellschaft zu spiegeln schien. Selbstverständlich wurde dieser Staat, so glaubten unsere Altvorderen, von von einem "Bienenkönig" angeführt, der von seinem Volk umhegt und gehätschelt wurde. Heute wissen wir, dass es keinen solchen Bienenkönig gibt, und dass die Drohnen, in Paulls Roman Machokarikaturen,  wenig mehr als fliegende Samenbänke sind, auf die ein trauriges Ende wartet. Schon damals hat es bei den Vertretern der "Kulturbranche" deutlich an naturwissenschaftlichen Kenntnissen gemangelt.

Im Falle von Flora 717 und ihren Stockgenossinnen kann man das alte Dilemma von Fabeldichtern wiederfinden. Hinter ihren Geschöpfen und ihren Geschichten verbergen sich immer die Gefühle, Ängste und Hoffnungen von Menschen. Das wäre ja noch akzeptabel.

Wenn die Autorin aber behauptet, sich "so eng wie möglich an die wirkliche Biologie der Bienen" gehalten zu haben und im Anschluss gewagte Hypothesen formuliert wie: "Die Arbeiterinnen haben zugunsten eines kollektiven Altruismus ihr Recht auf Fortpflanzung aufgegeben", oder "Futtersuche als sublimierte weibliche Bienenlibido" erklärt, dann ist das nichts anderes als intellektuell verbrämter Unsinn. Schon die Prämisse, dass es im Bienenstock eine Art Kastengesellschaft mit Geburtsrechten und Privilegien gibt, ist völlig abstrus. Aber prompt fallen etliche Rezensenten darauf hinein und schreiben, sie hätten viel über das Leben der Bienen gelernt. Die Wissenschaft weiß da mehr als Laline Paull und das gesamte Rezensentenheer auch nur ahnen. Und dieses Wissen über die Bienen ist ungleich spannender und faszinierender als die Fiktion des Bienenthrillers.

Das Buch mag ja "Spannende Unterhaltung" sein, aber aus der Lektüre des Buches gewinnt man wenig Erkenntnisse über das tatsächliche Wesen der Bienen. Dann eher schon über das Wesen des oberflächlichen modernen Menschen. Die Hoffnung von Rezensenten, dass das Buch "seinen Beitrag dazu leisten [wird], das Thema Bienen und ihre wichtige Rolle in unserem Ökosystem weiter in die Gesellschaft zu tragen." teile ich nicht. Da gibt es bessere Lektüre.

Text: © Marzellus Boos, alle Rechte vorbehalten

Leseprobe als PDF-Dokument

Link: Sendung Druckfrisch

Positive Stimmen zum Buch finden sich auf der Verlagshomepage.

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