Freitag, 17. Oktober 2014

Hippokrates und der Honig

Vom Vater der abendländischen Medizin, Hippokrates von Kos, sind etwa 300 Rezepturen überliefert, in denen Bienenhonig und Wachs eine Rolle spielen. 

Seine Sympathie gilt dem Bienenprodukt aus der Apotheke der Natur "... Honig ist für die Menschen am allerschönsten erschaffen, wenn er nur der Natur derselben entsprechend sowohl bei Gesunden wie bei Kranken zur richtigen Zeit und mit Maß angewendet wird".[1]

Bis heute glaubt man in der Volksmedizin, dass Honig gesundheitlich positive Wirkungen hat. Honig hilft bei Halsschmerzen, Erkältungen, Herpes, Schlafstörungen und zahllosen anderen Beschwerden. In der Wundheilung fand Honig noch in den Lazaretten des ersten Weltkriegs Anwendung.

Obwohl Honig also zu den "bewährten Hausmitteln" zählt, sprechen Schulmediziner ihm zuweilen seine heilenden Qualitäten ab. Zu dem Schluss kommt man bei der Lektüre eines Beitrags auf der Seite des medizinischen Informationsdienstes www.gutepillen-schlechtepillen.de. Ein Redaktionsteam aus Medizinern, Apothekern, Gesundheitswissenschaftlern, Naturwissenschaftlern und Soziologen hat Studien zur Wirksamkeit von Honig in der Medzin ausgewertet und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis:
Obwohl die medizinische Anwendung von Honig eine lange Tradition hat, sind seine Wirkungen wissenschaftlich nicht gut untersucht. Die Studien sind meist von sehr geringer Aussagekraft, da sie beispielsweise zu wenige Menschen einbeziehen und oft ein Vergleich mit einem Placebo oder einem Medikament fehlt. [2]
Im Wesentlichen werden medizinische Effekte verneint. Da, wo die Inhaltsstoffe des Honig Wirkung haben, etwa in der Behandlung von Hämorrhoiden mit einer Salbe aus Honig, Olivenöl und Bienenwachs, argumentiert man, das liege keinesfalls an den Inhaltsstoffen des Honigs sondern an der Mixtur. Nur bei der "Warmen Milch mit Honig" erkennt man zumindest eine Placebowirkung an. "Hier dürfte schon die Erwartung einer positiven Wirkung zur Linderung von Beschwerden beitragen".

Gehören also Beobachtungen und Erfahrungen des antiken Heilkundlers ins Reich der Mythen und Märchen? Sind seine Berichte über die Schwertwunden attischer Krieger, die sich nicht entzündeten, wenn sie mit Honig behandelt wurden, nachweislich falsch? Kann man sich nur noch auf die Götter in Weiß und deren Tablettenkuren verlassen?

Zwar schwören die modernen Ärzte bis heute den hippokratischen Eid  und bestätigen damit die ethischen Prinzipen des Begründers der wissenschaftlichen Medizin. Seine ganzheitliche Betrachtung von Krankheit und auch seinen Grundsatz: "Unsere Nahrungsmittel sollen unsere Heilmittel und unsere Heilmittel unsere Nahrungsmittel sein." haben seine Nachfolger im Zeitalter der Apparate- und Tablettenmedizin offenbar in den Hintergrund gerückt.

Honig ist für die Schulmedizin bestenfalls ein Placebo ohne Wert - "aus Mangel an Beweisen"!? Jahrtausende altes Erfahrungswissen wird quasi als Humbug deklariert, nur weil es nicht ausreichend erforscht ist.

Von Beginn an war die "Kunst der Medizin" im Wesentlichen eine Erfahrungswissenschaft. Auch heute noch sind es oft aufwändige und großangelegte Langzeitstudien, die die Wirksamkeit medizinischer Therapeutika belegen müssen, bevor sie zur Anwendung kommen. Mir drängt sich da die Frage auf: Woran liegt es, dass die Beweislage für die Heilwirkung von Honig so schwach ist? Und - ist sie überhaupt so schwach, wie es die zitierte Metaanalyse nahe legt, oder ist es die Hybris der westlichen Schulmedizin, die Jahrtausende alte Erfahrungen negiert?

Neuere Untersuchungen zeigen da in eine ganz andere Richtung. So haben Wissenschaftler der Lund Universität in Schweden in Rohhonig 13 verschiedene Milchsäurebakterien gefunden, die eine nachweisbare Wirkung gegen meticillinresistente  Keime haben.

Zwar hat man das noch nicht am Menschen getestet. Aber bei Pferden mit nicht heilen wollenden offenen Wunden hat Honig nachweislich zur Heilung geführt. "Das hat Bienen offenbar seit Millionen Jahren  gegen bösartige Mikroorganismen beschützt. Aber diese einzigartigen lebenden Milchsäurebakterien sind in der jüngeren Vergangenheit in den Honigen, die wir in den Läden kaufen können, verloren gegangen," [ 3 ] erklärt einer der Wissenschaftler. Der Grund ist bekannt: 80% des in Deutschland verbrauchten Honig ist Importhonig, der nach einer Wärmebehandlung seine wertvollsten Inhaltsstoffe verloren hat. Das dürfte in Schweden nicht viel anders sein.

Honig besteht zu 15% aus Wasser, etwa 80% sind verschiedene Zucker, und der Rest sind Pollen, Mineralstoffe, Proteine, Enzyme, Aminosäuren, Vitamine, Farb- und Aromastoffe. Und gerade diese Fraktion, der man die heilende Wirkung von Honig zuschreibt, fehlt den Import- und Großhändlerhonigen, und sie wird auch nicht in dem oben zitierten "unabhängigen Informationsdienst" diskutiert.

Auch andere Wissenschaftler haben die Inhaltsstoffe in der kleinen aber feinen Restgruppe der Honigbestandteile in den Fokus genommen. Man hat Anti-Krebs-Substanzen in dem Bienenprodukt entdeckt und Bestandteile, die unser Immunsystem nachhaltig stärken. Und ich glaube, da kommt noch mehr.

Hier schließt sich der Kreis. Die moderne Forschung ist offenbar dabei, die beobachtete Wirkung von Honig im Heilprozess mit modernen Analyseverfahren zu bestätigen. Die Erfahrungen des Hippokrates sind am Ende wohl doch richtig. Und nicht nur seine. Man darf ja nicht übersehen, dass in außereuropäischen Kulturen die gesundheitliche Wirkung von Honig eine mindestens so alte Tradition hat, wie bei uns.

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