Samstag, 25. Oktober 2014

Stadtbienen und Landbienen


Nachdem die Imkerei in den ländlichen Räumen im Niedergang begriffen ist, haben die Großstädte sich des Themas angenommen. "Urban Beekeeping" ist der neue Lifestyle Trend, mit dem meist junge, ökologisch bewusste Frauen und Männer den vom Bienensterben bedrohten Nutzinsekten Asyl auf den Balkonen ihrer Mietwohnungen bieten. Erfährt die Imkerei in Deutschland eine Renaissance?


Fast täglich berichten deutsche Medien über Bienenrettungsaktionen in deutschen Großstädten, und die Stories folgen einem immer gleichen Muster:  Junge/r umweltbewusste/r StadtbewohnerIn erkennt ihre/seine Verantwortung für eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion, in der die bedrohte Honigbiene in ihrer Funktion als Pflanzenbestäuber eine Schlüsselrolle hat. Im Bewusstsein etwas ökologisch Sinnvolles zu tun, beschließt sie/er, Imker zu werden. Das notwendige Know How kann man sich in Workshops quasi en passant erwerben. Der materielle Aufwand, der zeitliche Einsatz und der Platzbedarf für die Balkonimkerei sind niedrig, liest man. Der gesellschaftliche Respekt für den umweltschützerischen Einsatz ist dagegen hoch, und als Schmankerl fallen noch ein paar Gläser Honig ab. Es gibt nichts Gutes, es sei denn man tut es!

In meinem Post "Bienen sind chic und Imkern ist hip" habe ich bereits deutlich gemacht, dass ich es super finde, wenn Menschen sich aktiv  für Umwelt und Bienen einsetzen, und darauf hingewiesen, dass das alles nicht ganz so einfach ist, wie es die Medien suggerieren.

Aber es gibt da noch etwas, was mich an dieser Art des Agenda Settings in unserer Medienkultur ärgert. Immer begegnet man in der "Story" vom ökologisch bewussten städtischen Gutbürger dem Topos: "Die Städte sind der letzte Zufluchtsort für eine von einer industrialisierten Landwirtschaft übel ausgebeuteten und von Pestiziden bedrohten Flora und Fauna, denen der ländliche Raum keine Lebensräume und Überlebensmöglichkeiten mehr bietet." - Deshalb sind also die Bienen quasi zur Landflucht gezwungen und finden dann aber ein schönes Stadtasyl mit aufmerksamen und kompetenten Bienenhausmeistern.

Ich möchte nicht bestreiten, dass die Imkerei in den Regionen mit Intensivlandwirtschaft große Probleme mit dem Pestzideinsatz hat, und dass die Bienen außer den Massentrachten im Frühjahr in manchen Regionen sonst kein Nahrungsangebot mehr haben. Aber daraus abzuleiten, dass der gesamte ländliche Raum eine ökologische Problemzone ist, das ist dann doch zu pauschal.

Ich imkere in der Hocheifel in einem Umfeld, in dem es noch in den siebziger Jahren in einem Radius von 5 Kilometern 123 Landwirte gegeben hat. Heute sind es ganze 4 Vollerwerbsbetriebe, die Weidewirtschaft und etwas Ackerbau betreiben. Die meisten ehemaigen Betriebsflächen sind extensive Schaf- und Viehweiden oder Brachland. So erschreckend der Strukturwandel im Agrarbereich auch ist, für die Imkerei ist das von Vorteil. Konflikte zwischen Imkerei und Landwirtschaft, die wegen des Insektizid- und Pestizideinsatzes andernorts für ein massives Bienensterben verantwortlich gemacht wird, sind hier kein Thema. Und ländliche Regionen wie meine gibt es viele.

Deshalb finde ich es schon etwas irritierend, wenn ein Projekt wie "Deutschland summt" sich als eine reine Großstadtkampagne präsentiert. Es mag ja das ökologische Gewissen der Stadtbevölkerung beruhigen, wenn man sich sozusagen als neues Bienenparadies präsentieren kann. Nichts gegen "blühende Städte", aber wir bräuchten vor allem "blühende Landschaften".

Vielleicht können Balkonimker einen kleinen Beitrag zur Sensibilisierung für das Thema Bienensterben liefern. Aber ein solcher Ansatz führt nicht wirklich weiter. Das Verschwinden der Honigbienen ist nur ein Indikator für eine insgesamt problematische gesellschaftliche Einstellung zum Thema Ernährung.

Dass die Erwerbslandwirtschaft ist wie sie ist, hängt mit der Erwartung zusammen, dass Nahrungsmittel vor allem eins sein müssen, billig. Seit den 1970ern hat sich nicht nur in Deutschland eine Landwirtschaft entwickelt, die nach simplen ökonomischen Regeln funktioniert. Tiere und Nutzpflanzen werden als "Produktionseinheiten" gesehen, die einen ökonomischen Gewinn abwerfen und sonst keine Rolle mehr spielen. Artgerechte Tierhaltung, gesunde Ernährung, nachhaltige Bodenbewirtschaftung, Biodiversität usw. bleiben auf der Strecke, und leider auch die Honigbiene.

Die Nachfrager solcher Agrarerzeugnisse findet man mehrheitlich in den Städten. Auch wenn es in den letzten Jahren eine Art "Bioboom" gegeben hat, die Masse der Bevölkerung greift nach wie vor zu den Produkten aus der konventionellen Landwirtschaft. Einmal, weil sie sich - zumindest in den unteren Schichten der Gesellschaft - Bioprodukte gar nicht leisten können, zum anderen, weil billige Lebensmittel finanzielle Ressourcen für sonstige Konsumwünsche schaffen.

Bienenschutz ist Umweltschutz! Doch ein paar Bienenkisten auf Stadtbalkonen werden das komplexe Megaproblem, das hinter dem "Bienensterben" steht, nicht lösen.

Wer Bienen nachhaltig retten will, der müsste versuchen, die Ökonomisierung der Landwirtschaft umzukehren. Dafür müsste man sich mit mächtigen Interessensgruppen anlegen. Angefangen bei der Agrochemie über Maschinenbauer, Düngemittelkonzerne und Handelsketten gibt es in der "Wertschöpfungskette" der konventionellen Landwirtschaft eine mächtige Lobby, die davon profitiert, dass der Verbraucher nach wie vor mehrheitlich lieber zum "Junkfood" greift.

Wenn Deutschland auf Dauer wieder summen soll, dann hilft vor allem ein kritisches Konsumverhalten und die Unterstützung politischer Initiativen, die eine ökologische Landwirtschaft zum Ziel haben.

Kampagnen, die die Zusammenhänge von konventioneller Lebensmittelerzeugung, Konsumverhalten und Phänomenen wie dem Bienensterben verschweigen, sondern so tun, als könne ein "Orchester aus Imkern, Umweltschützern, Pfarrern, Unternehmern, Medienmachern und Künstlern" mal eben kurz die Welt retten, sind vor allem eins: hoffnungslos naiv.






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