Sonntag, 26. Oktober 2014

Von Bienen und Menschen

Robert Burns: To a Mouse

Kein anderes Insekt hat eine solche Bedeutung für den Menschen, und über kein anderes Insekt wird soviel nachgedacht, geforscht und diskutiert. Und wer immer sich an dem Thema Bienen versucht, sagt damit auch etwas über sich und seine Zeit aus.

Der neue Blog-Titel ist eine Anspielung auf ein berühmtes Gedicht des schottischen Nationaldichters Robert Burns. In "To a mouse on turning her up in her nest with a plough" beschreibt er einen Bauern, der voller Mitgefühl für eine Maus ist, deren Wohnung er beim Pflügen zerstört. Erstaunlich für seine Zeit ist seine ungewöhnliche Einstellung zu unseren "Mitkreaturen".

I'm truly sorry man's dominion | Has broken Nature's social union,| An' justifies that ill opinion | Which makes thee startle | At me, thy poor, earth born companion | An' fellow mortal!

Es tut mir aufrichtig leid, dass die Herrschaft des Menschen die soziale Einheit der Natur zerbrochen hat. Und diese kranke Ansicht rechtfertigt er. Deshalb erschrickst du vor mir, deinem armen, erdgeborenen Kameraden und sterblichen Gefährten.

Burns hat diese Verse in der Frühphase der industriellen Revolution geschrieben. Damals haben die Menschen in Scharen die ländlichen Regionen verlassen, um in den sich entwickelnden Industriestädten Arbeit und Brot zu finden. In dieser Zeit liegen auch die Anfänge der Entfremdung der modernen Menschen von der Natur.  Erstaunlich modern klingt es, wenn Burns diesen Bruch registriert und ihn als eine "kranke Ansicht" bewertet. Seine Idee einer Sozialunion zwischen Mensch und Kreatur sieht in der Maus nicht den Schädling und den Nahrungskonkurrenten.

Burns´ Bauer gönnt der Maus den winzigen Anteil, den sich das Tier von seiner großen Ernte klaut: "What then? poor beastie, thou maun live!" (Was soll´s? Armes Tierchen, auch du musst leben!)

Erst allmählich erkennen wir, dass die bis heute anhaltende Ökonomisierung unseres Lebens, unser Konsumverhalten und unsere rücksichtslose Ausbeutung unserer Umwelt unsere eigene Zukunft real bedroht. Auch das scheint Burns vorausgesehen zu haben.
Die besten Pläne der Mäuse und Menschen scheitern häufig und lassen uns statt versprochner Freuden nur Trauer und Tränen. [1]
Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir "armen Menschen" unser Scheitern erkennen. Den Mäusen ihr Körnchen Getreide gönnen, Mitgefühl entwickeln, wenn eine Kreatur in Not ist, weil sie ihr Winterquartier verliert, ihre existenzielle Angst vor einer erbarmungslosen Natur spüren und dafür Empathie zu entwickeln, das ist die Botschaft des Schotten.

Was Burns' Maus mit den Menschen verbindet gilt in besonderem Maß auch für das Verhältnis zwischen Bienen und Menschen. Sie ist kein Nahrungskonkurrent wie Burns´ Maus. Im Gegenteil, wir profitieren von ihrem Fleiß und ihrem Trieb, Wintervorräte im Überfluss anzulegen. Aus der Perspektive der Bienen sind wir die Honigdiebe, die mehr als nur einen Bruchteil ihrer Ernte stehlen.

Am Beispiel der Honigbiene lässt sich zeigen, dass wir mit unserer hemmungslosen und kurzsichtigen Ausbeutung der Natur sogar solche Kreaturen in ihrer Existenz bedrohen, denen wir bekanntlich "mehr als nur Honig" verdanken. Bienen sind vor allem wegen ihrer alljährlichen Bestäubungsleistung ein gigantischer Wirtschaftfaktor. Ihre weltweite Wertschöpfung liegt bei etwa 200 Milliarden Euro, hat das französische Forschungszentrum CNRS in Montpellier ermittelt.

Auf Honig könnte man vielleicht noch verzichten, aber nicht auf die Bestäubungsleistung der Honigbiene. Das kann keine Volkswirtschaft der Welt sich leisten, denn die Bienen sichern unsere menschlichen Ernährungsgrundlagen.

Heute sind wir leider an dem Punkt angekommen, an dem wir Menschen es uns noch nicht einmal mehr erlauben könnten, das originäre Wildtier in seine Freiheit zu entlassen. Noch nie vorher in der Geschichte der Menschheit waren die Bienen so existenziell abhängig von der Betreuung und der Pflege durch den Menschen. Wir haben ihnen mit der Varroamilbe einen Schädling beschert, der ohne imkerliche Maßnahmen in kurzer Zeit die heimischen Honigbienen zum Verschwinden brächte.
 
Zum Bild: The Robert Burns Gallery www.therobertburnsgallery.com

1 Kommentar:

  1. Anmerkung:

    Der berühmteste Bezug auf das Burns Gedicht "To a Mouse" stammt von Literatur Nobelpreisträger John Steinbeck. Die weltberühmte Novelle "Of Mice and Men" aus der New Deal Epoche schildert das traurige Los der Wanderarbeiter während der Weltwirtschaftskrise

    http://de.wikipedia.org/wiki/John_Steinbeck

    AntwortenLöschen