Montag, 18. Mai 2015

Lieber Willi, ... deine Maja

In seinem Blog fragt Bauer Willi seine Leser, ob die ihm raten würden, seinen Ackerbauerbetrieb auf BIO umzustellen. Warum fragt er nicht uns Bienen, ob wir einen Ausweg aus seinem Dilemma wissen?
Wenn Verbraucher, Handel, Industrie und Politiker ihren Senf zu den berechtigetn Sorgen von Bauer Willi dazu geben, dann darf auch Biene Maja was zum Thema Landwirtschaft sagen. Hier ihr Kommentar:

"Lieber Willi, Du fragst die Verbraucher, ob du auf Biobetrieb umstellen sollst. Aber die Antwort hast du doch selbst schon gegeben. Du schreibst, dass es schwierig ist, einfach den ¨Schalter¨ umzulegen und zu sagen, ich mach jetzt mal Bio. Der Preis für deine Produkte würde gefressen von einem geringeren Ertrag. Ein Nullsummenspiel nennt man sowas. Das würde ich mir an deiner Stelle auch nicht antun.

Warum denkst du nicht mal über eine Zusammenarbeit mit mir und meinen Kolleginnen nach? Auch wir stecken in einer echten Krise. Ich will jetzt nicht anfangen nach Schuldigen zu suchen. Ich könnte genau wie du den Verbraucher in die Verantwortung nehmen, oder die Industrie, den Lebensmittelhandel, aber auch einen ziemlich großen Teil deiner Kollegen. Aber das bringt nichts. Stattdessen sollten wir uns auf unsere Stärken besinnen und uns zusammentun, dann sind wir ganz sicher ein unschlagbares Dreamteam.

Zuckerrübe Public Domain
Ich lese in deinen Blog, dass du neben Getreide und Zuckerrüben Raps anbaust. Als Biene wäre ich im Prinzip mit Rüben einverstanden.  Aber leider erntest du die Knollen, bevor sie ihre Blüte gebildet haben. Aus der Landwirtschaftsschule weißt du ja noch, dass die Zuckerrübe zwar eine fremdbestäubende Pflanze ist. Aber leider bildet sie erst im zweiten Jahr einen Blütenstand und Samen aus. Wenn du die erst einjährigen Knollen an die Zuckerindustrie verkaufst oder als Rohstoff für Biosprit, bringt mir das gar nichts. Deshalb kann ich bei deinem Rübenbetrieb auch keinen Nektar einsammeln, den ich zu Honig weiterverarbeiten könnte. Zweijährige Zuckerrüben sind für dich absolut uninteressant. Die könnte man bestenfalls noch auf den Misthaufen, oder wenn du hast, in die Biogasanlage werfen.

Dein Getreideanbau bringt mir auch nicht mehr als deine Rüben. Die meisten Getreidesorten sind windbestäubt. Sie brauchen meine Hilfe ja nicht, deshalb locken sie mich nicht wie andere Pflanzen mit ihrem Nektar und ihrem Pollen.  Du siehst, mit Rüben und Getreide kann ich nicht überleben. Deshalb halte ich deine Dinkelpläne auch nicht für eine gute Idee, Bio hin oder her.

Anders sähe das aus, wenn du Buchweizen anpflanzen würdest. Wir Bienen lieben das Kraut, das ja botanisch betrachtet kein Getreide ist, aber sich hervorragend als Bestandteil in einem guten Vollkornbrot macht. Dass der Ernteerfolg maßgeblich von uns Bienen abhängt, hat schon ein gewisser Christian Konrad Sprengel vor mehr als 200 Jahren gesehen. Die Buchweizenfelder vor den Toren von Berlin trugen trotz bester Bedingungen hinsichtlich Klima und Böden kaum Früchte, da konnten deine Kollegen düngen soviel sie wollten. Gebracht hat ihnen das mehr Stroh aber keine Körner. Sprengel hat schon damals den Bauern geraten, Bienen zu halten, um bessere Erträge zu erzielen. Der Hobbyforscher hat erkannt, dass erst meine Bestäubung zu einem guten Ertrag und einer guten Qualität führt.

Aber leider hat bis heute kaum einer von deinen Kollegen den guten Mann richtig ernst genommen. Als er gefordert hat, dass ein Staat ¨ein stehendes Heer von Bienen¨ halten müsse, wurde er belächelt. Für seine Schrift ¨Von der Nützlichkeit der Bienen und die Nothwendigkeit der Bienenzucht, von einer neuen Seite dargestellt¨ hat man sich nicht interessiert.

Heute dämmert es euch Menschen erst allmählich, dass Sprengel absolut richtig lag. Was er damals schon sagte, nennt man heute etwas wissenschaftlicher ein Bestäubungsdefizit. In Deutschland beziffern Forscher dieses bei den landwirtschaftlichen Nutzpflanzen auf 50-80 %. Großbritanniens Honigbienen zum Beispiel können nicht einmal 25 Prozent der benötigten ¨Leistung¨ liefern, in Deutschland sind es zwischen 25 und 50 Prozent.

Raps . Abbildung Public Domain
Das, lieber Bauer Willi, will ich dir mal am Thema Raps klarmachen. Du kannst es mir glauben: Ich liebe Raps, und ich könnte verrückt werden allein bei dem Gedanken, dass ich in einer einzigen Rapsblüte Nektar mit bis zu 2,1 Milligramm Zuckergehalt finde. Dafür bestäubt man doch gerne.

Ein Hektar Raps kann in einer Blühsaison eine Honigernte von bis zu 494 kg einbringen, vorausgesetzt du triffst das richtige Verhältnis zwischen Anbaufläche und Bienenvölkern. Bei einem Kilopreis von um die 8 Euro wären das zumindest mal theoretisch etwa 4000,- Euro allein an Honig, den wir zusammen ernten könnten. Das wäre eine klassische ¨Win - Win¨ Situation. Ich trüge mehr Honig ein und dein Ernteertrag würde erheblich gesteigert, ohne dass du mit dem Düngerstreuer nachhelfen musst.

So wie Sprengel vor über 200 Jahren hat ein Dr. Stefan Meindl von der Uni für Bodenkultur mal wissenschaftlich nachgeprüft, was eine optimierte Bienenbestäubung euch Bauern unterm Strich an Mehrertrag bringen würde. Freundlicherweise hat er seine seine Forschungsergebnisse in einem Bestäubungshandbuch zusammengestellt und zum kostenlosen Download bereitgestellt.

Soviel weiß man heute: Mit Bienen erhältst du beim Raps 15-30 Samen pro Schote, ohne mich und meine Kolleginnen nur 1-10 Samen pro Schote. Soviel zu deinem Ertrag beim Raps. Aber auch die Rapsqualität steigt, wenn wir mal endlich anfangen würden zu kooperieren. Wenn dein Raps früher abblüht entwickelt die Pflanze in der Folge auch einen deutlich höheren Ölgehalt. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass deine Pflanzen ohne unnötigen Chemieeinsatz viel robuster werden. Sie hören nämlich damit auf, sich verzweifelt nach Befruchtung zu sehnen und werden am Ende nicht frustriert und resigniert verkümmern wie alte ¨Juffern¨, wie man im Rheinland sagt.

Ich habe gesehen, dass dein Imkerfreund Gunther seine Bienen in dein Rapsfeld gestellt hat. Dann hast du das Prinzip ja verstanden. Aber vier Völker für vielleicht, ich schätze mal, 10 Hektar Raps ist ein bisschen wenig. Wenn ich und meine Kolleginnen ganze Arbeit leisten sollten, müsstest du 70 bis 90 Völker halten. Aber das funktioniert nur, wenn du uns nach der Rapsernte und dem Honigschleudern Anschlussnahrung anbietest.

Das Problem ist ja nicht, dass ich dann arbeitslos wäre. Aber womit soll ich dann unsere Bienenlarven füttern. Du musst bedenken, dass die meisten meiner Kolleginnen sich nach sechs Wochen sprichwörtlich kaputtgeschuftet haben. Deshalb brauchen wir gerade im Sommer jede Menge Nachwuchs. Um stark in den Winter zu kommen müssen wir erst mal den Sommer überleben. Mit Eierlegen am Fließband, wie es unsere Königin leistet, ist es ja allein noch nicht getan. Wir Arbeiterinnen peppeln unsere "Pänz" (sagt man im Rheinland für Kinder) mit genau so viel Fürsorge wie ihr Menschen. Eure Kinder brauchen Alete, unsere permanenten Pollennachschub.

Damit wir dauerhaft gut zusammenarbeiten können, musst du uns also auch für den Rest unseres Bienenjahres noch etwas bieten. Und das wird nicht zu deinem Schaden sein. Wie wäre es mit Phacelia? Die lieben wir Bienen fast noch mehr als den Raps. Ich könnte dir, wenn alles optimal läuft, Honigerträge von bis zu 500 kg Honig pro Hektar versprechen. Die Pollenausbeute bei Phacelia ist nicht zu toppen.

Die Pflanze blüht von Juni bis September, kein Wunder, dass sie ¨Bienenfreund¨ genannt wird. Für dich wäre das eine super Gründungung und du könntest daraus zum Beispiel eine wunderbare Silage für deine viehhaltenden Kollegen machen, die mindestens so gut ist, wie das Kraftfutter, das sie zukaufen.

Oder wie wäre es mit Sonnenblumen, oder mit Leguminosen, Hülsenfrüchten wie Bohnen und Erbsen. Sie alle bereichern meinem Speiseplan und sammeln für deine Äcker den Stickstoff kostenlos aus der Luft.

Mir ist klar, dass du die Preise, die deine Erzeugnisse am Markt erzielen, im Auge behalten musst, um Gewinne machen zu können. Aber du weißt, dass mehr als 80 % der Nutzpflanzen uns als Bestäuber brauchen. Da wirst du schon die richtigen Entscheidungen treffen, was du wann anbaust, zu deinem und zu meinem Nutzen. Hauptsache wir Bienen haben den ganzen Sommer über ein gutes Futterangebot. Dann sind wir deine wertvollsten Helfer.

Außerdem gibt es für mich noch ganz andere Leckerbissen. In deinem Blog habe ich gelesen, dass du wieder ein Stück Land aufgeforstet hast, wenn ich mich richtig erinnere mit Eichen und Buchen. Wenn du mich gefragt hättest, ich hätte mir Kastanien gewünscht, oder Linden, oder Robinien. Die gehören auch zu den Nutzhölzern, aber im Gegensatz zu den Eichen und Buchen hätte ich dir von den Robinien den superteuren Akazienhonig eingeflogen. Hoffentlich hast du bei deinen Aufortsungsmaßnahmen daran gedacht, die Weiden stehen zu lassen. Auch wenn sie dir nicht wie die zuvor genannten Baumarten einen Holzertrag bringen, für uns Bienen sind sie das ertse Frühjahrsfutter, dass wir dringend brauchen um dann den Rest des Jahres richtig auf deinen Äckern malochen zu können.

Und dann sind da noch die Wiesen, die du deinem Schäferfreund überlässt. Das finde ich gut, aber da würde ich dann daran arbeiten die Wiese ganzjährig zum Blühen zu bringen und entsprechend die Beweidung steuern.

Wer soll denn all den Honig essen, wirst du dich fragen? Die Deutschen sind ganz ¨jeck ¨ darauf, das steht fest. Aber nur 20 % der Nachfrage wird aus Deutschland bedient. Der Rest ist billiger Importhonig, der das Geld nicht wert ist, das die Verbraucher dafür hinblättern. Und du nimmst auch keinem die Existenz weg. Von heute 92.085 (2013) Imkern betreiben gerade einmal 2 % die Bienenhaltung im Vollerwerb.

Noch mal zurück zum Thema Bio: Wenn du bienenfreundlich landwirtschaftest, wird alles um dich herum automatisch zu Bio, auch dein eigenes Planen und Denken. Wenn du mal gesehen hast, was ich für dich leisten kann, wenn du clever und bienenorientiert wirtschaftest, dann wirst du alles tun, was mir hilft glücklich zu sein. Wir werden kein Zweckbündnis haben, sondern eine echtes Traumpaar sein. Du wirst mich lieben, so wie ich dich lieben werde, das verspreche ich dir. Und wenn ich dir hier und da mal einen kleinen Stich verpasse, dann nur um dich daran zu erinnern, wie wichtig du mir bist.

Deine Biene Maja


Leider überlassen die Landwirte stattdessen den Ernteerfolg in der Landwirtschaft und die Erhaltung der Artenvielfalt einer vergleichsweise kleinen Schar von Hobbyisten. 

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