Dienstag, 10. November 2015

Honigdiebe und Bienenmörder



» Da hält man sich nun im Sommer knapp, | Schleppt und quält und rackert sich ab; | Denkt sich was zurückzulegen, | In alten Tagen den Leib zu pflegen... | Ja wohl! | Kaum sind Kisten und Kasten voll, |Trägt uns der Schelm den Schwefel ins Haus | Und räuchert und bläst uns das Leben aus. "

Mit diesen Versen fordert die Bienenkönigin in Wilhem Buschs Bildergeschichte "Schnurrdiburr oder die Bienen" ihr Gefolge auf, vor dem eingedösten Kleinbauern Dralle zu fliehen. Mit ihrem Schwarm will sie von Menschen unbelästigt und unbedroht eine neue Bienenkolonie zu gründen.

Auch wenn der Schwarmtieb der Bienen keineswegs eine Flucht vor dem Imker darstellt, sondern die Vermehrung der Bienenkolonie: Was Wilhelm Busch in seinem Bilderbogen beschreibt, war das übliche und traurige Schicksal von Bienenvölkern bis ins späte 19. Jahrhundert. Um an den Honig zu gelangen, wurden massenweise Bienenvölker mit Schwefelrauch abgetötet.

Der Bienenfreund und Hobbyimker Busch findet deutliche Worte gegen die in seiner Zeit weit verbreitete Praxis des Bienentötens. Dralle sei ein Schwerenöter, ein Honigdieb und Bienentöter, lässt der Dichter die Bienenkönigin urteilen, die ihr Volk zum Schwärmen drängt.

Dass man bereits zu Buschs Zeiten andere, bienenfreundlichere Betriebsweisen kannte, wird ebenfalls  in seiner Bildergeschichte thematisiert. Dralles Nachbar Knörrje, gebildeter Dorfschullehrer und Bienenfreund - "Die Immen sind ja ein Vergnügen, Wie sie so umeinander fliegen;" - weiß es besser: Er kennt bereits die fortschrittlichen Methoden der Völkervermehrung:

»Mein lieber Freund, das ist zum Lachen;
Ableger, Nachbar, müßt Ihr machen;
So habt Ihr, ehe man's gedacht,
Aus einem Stocke zwei gemacht;
Ableger, Freund, das heißt Methode!!«

Schon hundert Jahre vor Busch beklagte der Berliner Botaniker Johann Gottlieb Gleditsch in seinem Buch "Betrachtung über die Beschaffenheit des Bienenstandes in der Mark Brandenburg." die unsinnige Vernichtung von Bienenvölkern. Wer in seiner Unvernunft die Bienenvölker vernichte, handele aus Geiz und Undank gegenüber den Bienen und verhalte sich nicht anders als die honighungrigen Bären, geißelt er den Bienenmord.

Seine missionarischen Versuche, die Bienenhalter vom Abschwefeln der Bienenvölker abzubringen, waren vergeblich. Auch seine Empfehlung, schwache Völker mit starken zu vereinigen um die Insekten so besser über den Winter zu bringen, waren zwar sehr fortschrittlich, trafen aber bei seinen Zeitgenossen auf taube Ohren. 

1850 entdeckte Lorenzo Langstoth dann den "Beespace". Die Erkenntnis, dass Bienen eine Distanz von 8-10 mm zwischen zwei Waben nicht mit Wachs oder Propolis überbauen, revolutionierte die Bienenhaltung. 1853 präsentierte der amerikanische Pfarrer die nach ihm benannte Langstrothbeute und leitete damit das Ende der traditionellen Korbimkerei ein. Im gleichen Jahr entwickelte der deutsche Imkerpionier August Freiherr von Berlepsch das mobile Wabenrähmchen und 1858 entwickelte der Pfälzer Johannes Mehring vorgefertigte Mittelwände, die den Energieaufwand der Bienenvölker für den Bau ihres Wabenwerkes minimierte. Der sogenannte Mobilbau war geboren. Die Innovationen bildeten die Grundlage für die heute übliche Magazinimkerei, bei der Bienen in meist stapelbaren Kästen, den sogenannten Zargen, gehalten werden. 

Gleditsch hätte sich darüber gefreut, denn mit der neuartigen Betriebsweise änderte sich auch die Einstellung der Imker zu den Bienen. Der von ihm eingeforderte "gnädigere Umgang mit den Bienen" begann sich schnell durchzusetzen.

Wenn es auch weniger umweltethische Motive waren, sondern die Aussicht auf einen höheren Ertrag, welche der heute verbreitetsten Form der Bienenhaltung zum Durchbruch verhalf, am Ende zählt das Ergebnis.

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