Mittwoch, 30. März 2016

Bienen und Kinder näher bringen



Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie, ADS-Syndrom sind die Schlagwörter, mit denen Kritiker aller Couleur gerne in die Diskussion um den Bildungs(zu)stand unserer Kinder einfallen. Der amerikanische Autor und Umweltaktivist Richard Louv hat ein weiteres “Buzzword” kreiert: NDS - Natur Defizit Syndrom. In der Einleitung zu seinem Buch “Das letzte Kind im Wald” schreibt er: “Als Junge wusste ich nicht, dass mein Wald mit allen anderen Wäldern ökologisch vernetzt war. Niemand sprach in den Fünfzigerjahren über sauren Regen, Ozonlöcher oder globale Erwärmung. Aber ich kannte meinen Wald und meine Felder. Ich kannte jede Bachbiegung und jede Kuhle in den ausgetretenen Sandwegen. Selbst in meinen Träumen war ich in diesem Wald unterwegs.” Ein Kind heute, so seine Klage, weiß mehr über den Regenwald und dessen Gefährdung als über die Natur in seiner unmittelbaren Umgebung.

Die Dimension Natur als enorm wichtiger Selbsterfahrungs-und Erlebnisraum für Kinder geht nicht nur in Amerika zunehmend verloren. Die Tatsache, “dass es im Freien keine Steckdosen gibt”, ist dabei nicht der Hauptgrund für die zunehmende Entfremdung der Heranwachsenden von der Natur. Eine unbegründete, hysterische und angstbestimmte Überbehütung durch die Generation der Helikoptereltern steht bei den Gründen für die wachsende Distanz unserer Kinder zur Natur an erster Stelle. Medien und Gesellschaft verstärken diese Tendenz: “ Unsere Institutionen, unsere urbanen/suburbanen Lebensräume und unsere kulturelle Einstellung verbinden unbewusst Natur mit Untergang – während der Aufenthalt im Freien von Freude und Alleinsein abgekoppelt wird. Sie bringen jungen Menschen bei, jede direkte Erfahrung mit der Natur zu vermeiden. Schulen, Medien und Eltern verscheuchen die Kinder geradezu aus Wäldern und Wiesen."

Ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Umgebung kann das illustrieren. Eine AG-Imkern, angeboten von einem bienenerfahrenen Biologielehrer und ehemaligen Bienenwissenschaftler, scheiterte letztendlich an Haftungsbedenken der vorgesetzten Schulaufsichtsbehörde. Dabei liegen ja gerade in einem solchen Projekt Möglichkeiten einer Naturerfahrung ganz anderer Art, zu der auch mal ein gelegentlicher Stich dazugehört.

Resultat der Tendenz zu einer von Naturerfahrung befreiten Superförderung unserer Kinder ist der Verlust einer positiven emotionalen Beziehung zur natürlichen Umwelt.

Eine Erziehung, die “vor allem darin besteht, Kinder ständig zu überwachen, zu bespielen und, meist mit dem Auto, nachmittagelang von einem Event zum nächsten zu kutschieren: von musikalischer Früherziehung zu Chinesisch, Englisch, Spanisch, zum Judo-Training, dann vielleicht noch ein paar Stunden zur Therapie wegen des ADS-Syndroms - das Aufmerksamkeitsdefizit, das die vielbeschäftigten Kinder auch noch in Atem hält” hat nachhaltig negative Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung.

Ungewollt arbeiten die auf kindliche Frühförderung fixierten Eltern, die ihrem Nachwuchs einen vorderen Platz in einer globalen Wettbewerbsgesellschaft sichern wollen, einer Entwicklung zu einer autonomen und starken Persönlichkeit entgegen. ”Zu viel Kontakt mit der Wirklichkeit, der auch Scheitern und Schmerz beinhalten kann, würde diese durchorganisierte Matrix zusammenbrechen lassen. Also geht man Erfahrungen mit Wildheit und Wildnis besser aus dem Weg, versperrt klassische kindliche Erfahrungsräume.” beschreibt der Biologe und Naturphilosoph Andreas Weber die neue zivilisatorische Katastrophe

An die Stelle einer unmittelbaren Erfahrung mit Natur rücken Begegnungen mit kitschigen und vermenschlichenden Tierbildern, die auf den Bambieffekt setzen, aber mit realer Natur so gut wie gar nichts mehr zu tun haben. Im Falle der Honigbiene prägt die “Biene Maja” die idyllische und verkitschte Vorstellungswelt der Kinder. Als Sympathieträgerin für die Bienen kann man da ja noch etwas Positives drin sehen. Aber spätestens wenn Wespenstiche auf den Schulhöfen zu dem Aufschrei führen: “Eine Biene hat mich gestochen!” fällt die Sympathiekurve für die Biene ins Bodenlose.

Majas mediale schwarz-gelb Zeichnung hat dazu geführt, dass oft selbst Schüler der Mittel- und Oberstufe noch nicht einmal eine Biene richtig bestimmen können. Studien zum Bambieffekt belegen, dass 92% der Kids tatsächlich davon überzeugt sind, dass Bienen schwarz-gelb gestreift sind. Wissensdefizite dieser Art sind symptomatisch und nicht nur auf die Biene beschränkt. Man mag es kaum glauben, aber 62% unserer Kinder sind der Meinung, das Reh sei die Frau vom Hirsch. Erschreckend sind auch die Ergebnisse, die der Jugendreport Natur 2010 über die Naturkenntnisse von 6.- und 9.Klässlern analysiert hat. Zwar glauben Kinder nicht mehr an die “lila Kuh”, dafür aber wissen nur 21% , dass Kühe keine H-Milch geben. Auf die Frage “Wie viele Eier legt ein Huhn pro Tag?” liegt der Mittelwert der gegebenen Antworten bei 3,1.

Solche Wissensdefizite bei Kindern verweisen auf eine problematische “Natursozialisation”. Sie sind als reine Fehlinformation relativ schnell zu beseitigen, schneller jedenfalls als die infantilen, auf Harmonie und Konfliktlosigkeit getrimmten, anthropomorphen Tier- und Naturvorstellungen, die Kinder sich über unsere modernen Medienprodukte aneignen. Wenn heute eine ganze Generation von echten Naturerfahrungen abgeschottet wird, wird es in Zukunft schwierig werden, einen wirkungsvollen Natur- und Umweltschutz als existenziell notwendige und ethisch gebotene Pflichtaufgabe der Gesellschaft durchzusetzen.

Noch 70% der Erstklässler glauben, dass Enten gelb sind. Ab dem fünften Schuljahr sind es “nur” noch 16%. Meine Enkelin, sie wird jetzt 3 Jahre, hat die Frage nach der Entenfarbe aus o.g. Report richtig beantwortet. Schließlich hat sie oft genug die Enten auf einem nahe gelegenen Badesee gefüttert. Sie hat beobachtet, dass die Tiere um das Futter streiten, und gar nicht so lieb sind, wie sie in den verniedlichenden Kinderbüchern dargestellt werden.

Sie weiß auch aus eigener Anschauung, dass Katzen Mäuse fangen, töten und fressen, und hat davon keine Alpträume bekommen. Unsere Katze hat sie auch schon mal “gekniffen” und gekratzt, als das Kind zu aufdringlich wurde, aber sie ist trotzdem noch ihre beste Freundin. Sie hat natürlich schon einen Kuhstall von innen gesehen, gehört, gerochen, sie ist über das laute Muhen erschrocken, hat die Bauern beim Melken beobachtet, das nasse Maul eines Kälbchens gefühlt, ist flüchtenden Hühnern nachgelaufen, … . Sie kennt auch die kleinen Tiere, Vögel, Eidechsen, Frösche, hat schon Regenwürmer “gefunden”, kennt eine Vielzahl von Pflanzen. Die Oma hat ihr gezeigt und erklärt, welche essbar sind und welche nicht. Ihre kindlichen Lern- und Erfahrungsorte sind nicht nur Wohnung, Kinderzimmer, Kindergruppe und Einkaufsstraße. Sie liegen auch in der Natur und heißen Garten, Park, Wiese, Strand, Wald, Seeufer, Pfütze … .

Natürlich habe ich mit meinem Enkelkind schon beobachtet, wie die Bienen den Nektar der Blüten aufsaugen und sie weiß auch, dass die Bienen daraus den Honig herstellen. Meine Enkelin liebt Geschichten, auch die Biene Maja kennt sie. Aber bald zeige ich ihr die ersten Kapitel von Wilhelm Buschs wunderbarer Bildergeschichte “Schnurrdidurr oder die Bienen”. Daran kann man einem Kleinkind schon wunderbar viel Bienenwissen vermitteln, ihm zeigen, dass Bienen die Pflanzen bestäuben, dass es im Bienenstock eine Königin gibt, aber auch dass Bienen stechen und dass man sich davor schützen kann. Buschs Bienenkosmos ist besser geignet als Bonsels trotzköpfiges Bienenmädchen, um Kindern die Welt und die Natur zu erschließen. Ich möchte mein Enkelkind so vorbereiten auf ihr erstes Abenteuer mit Bienen.

In diesem Sommer will ich ihr einen geöffneten Bienenstock zeigen, mit ihr eine bienenbesetzte Honigwabe herausziehen, das Treiben der Arbeiterinnen beobachten, sie Honig mit dem Finger aus der Wabe herauslöffeln lassen. Natürlich werde ich sie schützen, sie wird einen Bienenschleier mit mir basteln, geschlossene Kleidung und Handschuhe tragen. Sie soll ja schließlich ihr erstes Bienenabenteuer positiv erleben. Sie wird den Blasebalg des Smokers drücken und tüchtig Dampf machen, den Duft meines “Bienentabaks”, ein Gemisch aus getrockneten gutriechenden Kräutern, riechen und ich freue mich darauf, ihre Kinderfragen zu beantworten.

Ich werde mit ihr Bienenwachs einschmelzen und in eine Pralinenform aus Silikon gießen. Wenn das Wachs abgekühlt ist, kann sie die Figuren, die Tiere einer Blumenwiese darstellen, ausdrücken und damit spielen.

Weil ihr Opa Hobbyimker ist, ist meine Enkelin in dieser Beziehung im Vorteil. Aber es gibt sicher auch genug andere Imker, die Kinder gerne an die Bienen heranführen und ihnen erklären, was die Bienen tun und warum sie so wichtig sind.

1 Kommentar:

  1. Hallo,
    die Enkelin wird sich noch Jahrzehnte später an ihren Großvater und die Bienen erinnern, wunderbar wenn Kindern solches Wissen vermittelt wird. Mein Vater hatte auch Bienen und fast 35 Jahre später haben mein Mann und ich deshalb mit der Imkerei begonnen, zwar nur als Hobbyimker, aber der Geruch von Wachs und Honig erinnert mich immer noch an meine Kindheit.
    Mit den besten Grüssen
    A.W.


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