Montag, 26. September 2016

"King of Sting" oder wo Stiche am meisten schmerzen

Selfie mit Schlauchbootlippe
Hätten Sie's gewusst? Wenn Ihre linke Hüfte juckt und Sie sich vor einen Spiegel stellen und Sie sich an der rechten Hüfte kratzen, lässt links der Juckreiz nach. Deutsche Forscher haben das herausgefunden und auch wissenschaftlich belegt. Dafür gab es in diesem Jahr den IG-Nobelpreis für Medizin. Vergangenes Jahr war ein Bienenwissenschaftler unter den Preisträgern.


Der Anti-Nobelpreis für wissenschaftliche Leistungen, die „Menschen zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken bringen“ wird seit 1991 alljährlich von der Satirezeitschrift "Annals of Improbable Research" (AIR) in Harvard vergeben. Zu den Preisträgern des vergangenen Jahrs gehörten die amerikanischen Bienenforscher Justin Schmidt und Michael L. Smith.  im Bereich Physiologie und Insektenkunde.

Justin Schmidt blickt als Entomologe auf Stichattacken von 170 verschiedenen Insekten aus aller Welt zurück. Der ungekrönte "King of Sting" hat aus leidvoller Erfahrung heraus genau beschrieben, welche Schmerzerfahrungen er dabei gemacht hat, und der wissenschaftlichen Welt den "Schmidt Sting Pain Index"  ( „Schmidt-Stichschmerz-Index“) geschenkt. Seit den frühen 90er Jahren hat die Wissenschaft jetzt eine offizielle Skala zur Einordnung von Schmerzen nach Insektenstichen.

Dem zweiten Preisträger, Bienenforscher Michael L. Smith, war die Grundlagenarbeit seines Fast-Namensvetters nicht präzise genug. Und tatsächlich, wenn man sich Schmidts Terminologie ansieht, qualifiziert sich der Wissenschaftler mit den damit verbundenen Extremerfahrungen und deren Versprachlichung eher für einen alternativen Literaturnobelpreis. Schmidt arbeitet mit einer Skala von 1 bis 4 um die Schmerzempfindungen bei Insektenstichen einzuordnen. Fatalerweise erinnert mich seine Enumeration an meinen Zahnarzt, der mich regelmäßig mit dem Satz beruhigen will, alles sei bei Drei vorbei und dann "Eins, Zwei, Zwei komma eins, ... " zählte. Auch die Schmerzsensationen, die der Forscher beschreibt, scheinen mir verdammt ähnlich zu sein.

1.0 Leicht, flüchtig, fast fruchtig. Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt (Blutbienen, Furchenbienen)
1.2 Scharf, plötzlich, etwas beunruhigend. Als ob man über einen Flokatiteppich läuft, sich statisch auflädt und einen elektrischen Schlag bekommt (Feuerameisen)
1.8 Ein seltener, stechender, irgendwie hoher Schmerz. Als ob jemand eine Heftklammer in deine Wange schießt. (Knotenameisen)
2.0 Reichhaltig, herzhaft, und heiß. Als ob W. C. Fields eine Zigarre auf deiner Zunge auslöscht (Kurzkopfwespen, Dolichovespula maculata)
2.x  Wie ein abgebrochener Streichholzkopf, der auf deiner Haut abbrennt (Honigbienen, Hornissen)
3.0 Ätzend, brennend und unerbittlich. Als ob jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehennagel freizulegen oder man einen Becher mit Salzsäure über eine Schnittwunde schüttet (Ernteameisen, Feldwespen)
4.0 Heftig, blendend, furchtbar elektrisch. Als ob jemand einen laufenden Haartrockner in dein Schaumbad fallen lässt (Pepsis formosa alias Tarantulafalke, eine Wespenart, die Vogelspinnen jagt)
4.x Reiner, intensiver, strahlender Schmerz. Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat

Weil die Nachvollziehbarkeit der Schmidtschen Schmerzskala oberhalb der Kategorie 2 problematisch wird, sah sich nun der zweite Preisträger, der Bienenforscher Michael L. Smith gefordert, auf Schmidts Arbeit aufbauend, den Stichschmerzindex neu zu fassen. Aus dem Wert 2, ergo: "Wie ein abgebrochener Streichholzkopf, der auf deiner Haut abbrennt (Honigbienen, Hornissen)" definierte er einen mittleren Referenzwert, und erweitert diesen um die Erfahrung, dass Insektenstiche einem Menschen nicht grundsätzlich an jeder Körperpartie gleich weh tun.

Aber nicht der Erkenntnisgewinn, dass "Weh nicht überall gleich Weh" sein muss, weil es mehr oder weniger empfindliche Körperteile gibt, ist das Spektakuläre an dem Forschungsansatz Smiths. Beeindruckender ist sein ganz persönlicher körperlicher Einsatz im Dienste der Wissenschaft zur Entwicklung einer 10 Punkte Skala für Bienenstichverletzungen. Nach einer mehrwöchigen Vorbereitungsphase, in der er sich täglich mehrmals stechen ließ, um sich zu desensibilisieren, ließ er sich in der Experimentalphase an 25 verschiedenen Körperstellen stechen, um zu nachfolgendem Ergebnis zu kommen:

Drawing of the human form with Xs and labels at the sting locations.
Stiche in die Kopfhaut sind am wenigsten schmerzhaft. Auf seiner 10 Punkte Schmerzskala liegen Bienenstiche in den Unterarm im Mittelfeld. Am unangenehmsten und schmerzhaftesten sind Stiche in die Nasenflügel, gefolgt von der Oberlippe. Das überrascht, denn das angeblich wertvollste Stück des Mannes, das bei Smiths Selbstversuch nicht verschont blieb,  landete abgeschlagen auf Platz drei der stichempfindlichsten Körperzonen. Scrotum (Hodensack) und Brustwarzen rangieren bezüglich ihrer Empfindlichkeit bei Bienenstichen im oberen Mittelfeld der Schmerzskala. Für die Praxis sind wohl nicht alle Messungen hilfreich. Die meisten Bienenhalter imkern meines Wissens mit zugeknöpfter Hose und nicht mit freiem Oberkörper.

Gäbe es eine "Medal of Honour" für die Wissenschaft, hätte Smith sich diese dennoch verdient. Ich weiß seit letztem Jahr, wovon ich spreche, denn ich gehöre zu denen, die der Stachel der Honigbienen an der zweitempfindlichsten Stelle getroffen hat. (siehe Beweisfoto)

Meinen Schmerz, das Grinsen meiner Kollegen und das Staunen meiner Schüler wegen meiner  Schlauchbootlippen habe ich wie Smith mannhaft ertragen, denn wie sagt es eine alte Imkerweisheit: "Wer Honig ernten will, darf sich nicht vor Stichen fürchten."

Hier geht es zum Forschungsbericht

Homepage des IG-Nobelpreises 

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